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Die Adass-Schule wird hier auf Erden
Bestimmt schon mal ne Berühmtheit werden, (...)
Ein Hoch drum unsrer Penne,
Adass wird sie genannt,
Sie liegt nicht bei Jerusalem,
Sie liegt am spreeigen Strand.

Der Weg vom Cheder zum Gymnasium

Der Augenblick für eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte des Schulwerks »scheint z.Z. noch nicht gekommen«, sagt 1927 der Vorsitzende des Schulrats von Adass Jisroel, Rabbiner am Beth Hamidrasch (die "Alte Synagoge") in der Heidereutergasse 4 und Berliner Arzt Dr. Eduard Chaim Biberfeld. Weiter: »Eine Schöpfung, so lehren unsere Weisen, die sich noch nicht voll ausgelebt und entfaltet hat, darf noch keinen Anspruch auf gerechte Würdigung erheben.« Gut elf Jahre wird dieses in der Schulgeschichte Berlins wohl einzigartige Modell dauern: Die Vereinigung aller Schulen unter einem Dach, von der ersten Klasse bis zum Abitur. Abermals sollte die Hildesheimersche Forderung einer Integration von jüdischer Tradition und weltlicher Aufklärung eingelöst werden. Die von Rabbiner Biberfeld angesprochene Würdigung dürfte sich nicht auf die Anzahl von Absolventen, sondern vor allem auf die Übereinstimmung in Charakter und Arbeit des Schulwerks mit der Gemeinde Adass Jisroel bezogen haben.

Um das Besondere an den Schulen von Adass Jisroel herauszuarbeiten, ist es am zweckmäßigsten, sich in der Umgebung und in der Zeit umzusehen. Diese Schulen waren keine Weiterentwicklung der in Berlin im 19. Jahrhundert bestehenden »Talmud-Thora« - Schulen mit angeschlossenem Profanunterricht, wie beispielsweise die »Beth-Midrasch Schule« des Schulvorstehers Rabbiner Philipp Biberfeld, Spandauer Str. 76. Laut »Lektions-Plan« erteilte Rabbiner Philipp Biberfeld hier den Schulkindern wöchentlich 16 Stunden talmudischen Unterricht, Herr Warschauer vier Wochenstunden Schreiben, Herr Koch vier Stunden Rechnen, Herr Prasch wöchentlich zwei Stunden Geschichte und Geographie, Dr. Oestereich acht Stunden deutschen, französischen und lateinischen Sprachunterricht. Während der talmudische Unterricht sich der Beurteilung der Berliner Aufsichtsbehörde, der städtischen Schuldeputation entzog, wurde Philipp Biberfeld 1832 »hinsichtlich seiner allgemeinen Bildung für das Lehrfach nicht vorschriftsmäßig geprüft« negativ beurteilt. Schulaufseher Muhr befindet: »Die Lehrmittel für die Talmudische [Bildung] sind vollständig, die für die wissenschaftliche [Bildung] fehlen jedoch gänzlich; der Unterricht in Geschichte und Geographie ist sehr schwach, das Lokal unzureichend.« Die Beurteilung anderer Berliner talmudischer Lehranstalten, wie die des seit 1825 als Rabbinatsverwesers tätigen Jakob Josef Oettinger und die von Rabbinatsassessor Elchanan Rosenstein, durch die Berliner Schulbehörde fiel nicht günstiger aus. Diese so genannten Talmud-Schulen, eine Mischung von Religions- und Profanunterricht, waren nicht den Anforderungen einer qualifizierten und qualifizierenden allgemeinen Ausbildung gewachsen. Auf der anderen Seite standen die modernen Schulen der Jüdischen Gemeinde (»mit Religionsunterricht«). Eine besondere Tradition ist nicht erkennbar.

Anfänge des modernen gesetzestreuen Schulwesens

Rabbiner Dr. Eduard Biberfeld führt die Anfänge des Schulwerks von Adass Jisroel »bis dicht an die Gründerzeit unserer Gemeinde zurück«. Die Heranbildung einer »ebenso für das Gesellschaftsleben des Alltags, wie für das Ewigkeitsleben der Thora ausgerüsteten Jugend« widmeten sich Esriel Hildesheimer und Samson Raphael Hirsch. Letzterer hatte einen Abschnitt aus den »Sprüchen der Väter« von Rabban Gamliel, dem Sohn des Fürsten Rabbi Jehuda, zur Leitlinie seines ethischen Wirkens in Gemeinde und Gesellschaft gemacht: »Schön ist die Erfüllung des Thora-Ideals verbunden mit den Forderungen der Zeit«. In der Überlieferung ist dieser Satz als Wahlspruch des aufgeklärten orthodoxen Judentums eingegangen. In der Gründerzeit von Adass Jisroel erschien eine Schule unmöglich, man war gezwungen, »sich mit dem unzureichenden Ersatzmittel des Religionsschulsystems, das dafür aber zu hoher Blüte gebracht wurde, zu befreunden und abzufinden«. Was Hildesheimer schon in seiner Rabbinerschule in Eisenstadt praktiziert hatte, nämlich die gleichzeitige Abiturausbildung für seine Rabbinatstudenten, dies führte er in Berlin sofort nach der Gründung seines Rabbiner-Seminars für das orthodoxe Judentum weiter. Der Jahres-Bericht des orthodoxen Rabbiner-Seminars für 1878/79 führt den Rektor Hildesheimer als Dozent für Mathematik, Combinationslehre und binomischen Lehrsatz (Winter vier Stunden), Progressionen, analytische und synthetische Gleichungen (Sommer drei Stunden). Dozent Rabbiner Dr. David Hoffmann lehrt Planimetrie und Trigonometrie, Dr. Jakob Barth deutsche Literatur vom Anfang bis zu Lessing, Hilfslehrer stud. phil. L. David unterrichtet Latein und Griechisch, Hilfslehrer stud. phil. Hirsch Hildesheimer Geschichte und Geographie. 1913 begründet Adass Jisroel aus Anlass des Regierungsjubiläums des Kaisers einen Schulfond in der Anfangshöhe von 50.000,- Mark, der den Grundstock für den geplanten Aufbau eines Profanschulsystems bilden sollte. Mit dem Ende des ersten Weltkrieges und der allgemeinen Krisensituation verlor diese Summe jede Bedeutung.

Eröffnung der Schule 1919

Am 13. März 1919 fasste die Gemeinde Adass Jisroel den Beschluss, eine höhere Schule zu gründen. Ob Realanstalt oder Gymnasium, das sollte später festzulegen werden. Schon mit Beginn des Schuljahres am 2. Mai 1919 wurden die beiden ersten untersten Vorschulklassen eröffnet. Aus Mangel an eigenen Räumen wurden einige Schulklassen im Gemeindehaus Artilleriestraße 31 untergebracht. »Daneben«, - berichtet Rabbiner Biberfeld - »erzwangen die großstädtischen Verhältnisse ein Entgegenkommen gegenüber den berechtigten Wünschen der im Westen wohnenden Mitgliedern unserer Gemeinde, deren Kindern die weite Entfernung die Möglichkeit der Teilnahme am Unterricht in der Altstadt unterband. Diesem Bedürfnis Rechnung tragend, wurden gleichzeitig mit der Mutteranstalt auch noch auf Charlottenburger Gebiet (Wielandstraße) Parallelklassen errichtet, die den dort wohnenden Kindern wenigstens in den ersten Schuljahren die Gefahren einer stundenlangen Straßenbahn- oder Stadtbahnfahrt ersparten«. Diese wurde im April 1926 aufgelöst und im nächsten Jahr in die Wullenweberstraße (Tiergarten) verlegt. Die Gemeindeverwaltung ernannte den ersten Schularzt. Dem Schulvorstand gehörten an: Rabbiner Dr. med. Eduard Chaim Biberfeld, Ludwig Bier, Martin Bondi, Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer, Rabbiner Dr. Esra Munk und Prof. H. Pick. Die Erreichung der entsprechenden behördlichen Genehmigungen für den Schulunterricht war ein schwieriger Prozess, der nicht weniger als sechs Jahre in Anspruch nahm. Am 25. Juli 1925 schrieb das Provinzialschulkollegium an die Gemeinde, »dass ihm der Herr Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Ermächtigung erteilt habe, die von dem Vorstand durch Eingabe vom 24. September 1924 nachgesuchte Genehmigung zur Errichtung einer privaten höheren Lehranstalt für Knaben, sowie einer für Mädchen auszusprechen«. Realgymnasium und Oberlyzeum wurden von der Behörde als »private höhere Lehranstalten« im Sinne der Verfassung anerkannt. Seit dem 29. März 1927 durften am Gymnasium Abiturprüfungen abgelegt werden. Bis 1926 wurden weitere Schulräume im Bezirk Mitte, im Handwerkerverein, Sophienstraße 18/19, genutzt. Danach konnten andere Räume in der Neuen Schönhauser Straße 13 bezogen werden, »die von kleinen Unebenheiten abgesehen, doch unseren bescheidenen Wünschen vollständig genügen und den Realgymnasiumsklassen ein ausreichendes Asyl« boten.

Siegmundshof 11

1924 wurde im Bezirk Tiergarten, Hansa-Viertel, durch die Gemeinde Adass Jisroel ein Atelierhaus in der Strasse Siegmundshof 11 erworben. Die gesamte Schule und eine Synagoge wurden dort untergebracht. Zuerst wurde das Mädchenlyzeum eingerichtet; »nachdem durch umfangreiche Umbauten und Neuanlagen dort allen schulhygienischen und schultechnischen Anforderungen genügende und vollausreichende Schulräume geschaffen waren«. Die Einweihungsfeier fand am 10. Oktober 1926 statt. Ein Vertreter der Regierung überbrachte »vom Herzen kommende und zum Herzen gehende« Begrüßungsworte, so die Chronik. Am 2. Mai 1919 zählte die Schule zwei Klassen und 100 Schülerinnen und Schüler. 1927 waren es bereits 14 Grundschul- und Volksschulklassen, sieben Realgymnasialklassen und sechs Lyzealklassen, die Schülerzahl war auf 600 angewachsen (anfänglich die drei Lehrer - Sinasohn, Spieldoch und Fräulein Brüll - , mittlerweile 34 Lehrer). »Hisaharú biwnei ha’aniim schemihem titzé Thora« - »Fördert die Kinder der Minderbemittelten, sie sind die künftigen Bannerträger der Thora!« Unter diesem Motto wurde im Juni 1925 die »Munk-Hildesheimer-Schulgeldkasse« eingerichtet. »Gemeinde und Familien kannten keinen höheren Stolz, als Geistesgrößen in ihren Reihen aufweisen zu dürfen. Diese hohe Wertung einer gediegenen Geistesschulung, der innere Drang, Kenntnisse der breiten Bevölkerung in reichstem Maße zuzuführen, hat es auch bewirkt, dass an allen Orten, wo immer Juden wohnten, Schulen vorhanden waren, in denen die Jugend an den Born des Wissens herangeführt wurde«, so der Spendenaufruf. Die Schulgeldkasse errichtete bei einmaliger Zahlung von 3.000,- Mark einen Freiplatz für einen Schüler auf den Namen des Schenkers oder eines von ihm benannten Familienmitglieds. Sie übernahm Patenschaften gegen Zahlung von 180,- pro Jahr bzw. 15,- Mark monatlich. Am 9. Dezember 1928 übersiedelte das Realgymnasium aus der Neuen Schönhauser Str. 13 in das erste Stockwerk nach Siegmundhof. Die Volksschule wechselte daraufhin vom Monbijouplatz 10 zur Neuen Schönhauser, um zu Pessach 1930 selbst nach Siegmundshof zu kommen. In der Neuen Schönhauser verblieben nur die Parallelklassen der Grundschule. Der bei der »Staatlichen Auskunftsstelle für Schulwesen« am 30. August 1929 eingegangene Jahresbericht 1929/30 gibt Auskunft über Veränderungen im Lehrkörper. Mit Stolz wird verkündet: »Das Realgymnasium hat mit dem Ablauf des Berichtsjahres seine Vollendung erhalten«.

Abitur

Auf Antrag verlieh der Kultusminister das Recht zur Abhaltung der ersten Reifeprüfung. Die ersten Abiturienten von Adass Jisroel sind am 23. März 1930 in einer öffentlichen Entlassungsfeier im großen Saal des Tiergartenhofs verabschiedet worden. Der Jahresbericht von Schuldirektor Nachman Schlesinger schließt mit dem Satz: »Die Untersekunda beider höheren Schulen unternahmen getrennt unter Führung der Klassenleiter Wanderungen in die Sächsische Schweiz«. Dem Jahresbericht 1930/31 an die »Staatliche Auskunftsstelle für Schulwesen« wurde die gedruckte Anlage beigefügt: »Unterrichtsanstalten der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) Berlin - Ein Bericht über ihre Entwicklung«. Nach Geleitworten vom Vorsitzenden des Schulrats Dr. Eduard Chaim Biberfeld berichtet Direktor Schlesinger über die Entwicklung des Schulunterrichts, über Lehrer, Schüler und Schulleben. Besonders gewürdigt wird abermals die Einrichtung und Zulassung der Abiturklassen, »jüdische und allgemeinweltliche Kultur« sollte für Jungen und Mädchen nicht nur den Zutritt zu den akademischen Studiengängen, »sondern auch für eine große Zahl praktischer Berufe«, die mittlerweile das Abiturzeugnis erfordern, den Zugang ermöglichen. Erwähnt wird auch »die ungeheure Anspannung aller materiellen Kräfte, die in unserer so schweren Zeit die Gemeinde und ihre Freunde für das Schulwerk aufbrachten, die beispiellose Hingabe, mit der die Lehrerkollegien und die Schulverwaltung ihres Amtes walten.«

Torah, Talmud, Hebräisch, Englisch, Musik, Schwimmen, Wandern

Am 5. März 1930 war vor einer Prüfungskommission unter Vorsitz von Rabbiner Dr. Esra Hacohen Munk eine Prüfung der Abiturienten in Talmud und Bibel durchgeführt worden, die bewies, »dass Prüflinge nach kurzer Vorbereitung imstande waren, einen Bibeltext zu erfassen und eine Talmudseite selbständig zu verarbeiten«. Das Realgymnasium von Adass Jisroel, schreibt Direktor Schlesinger, »ist damit die erste und zunächst einzige jüdische Schule innerhalb des deutschen Reiches, welche zu einer anerkannten Vollanstalt entwickelt ist. Nach dem Ministerialerlaß U II Nr. 956/II vom 3. Juli 1930 haben die an unserer Schule erworbenen Reifezeugnisse die gleichen Rechte wie die an öffentlichen höheren Schulen erworbenen Zeugnisse. Das gleiche Ziel hat unser Oberlyzeum zu Ostern 1931 erreicht.« Im Sommer 1929 ging die Leitung der Volksschule von Dr. Willi Halberstadt auf Rektor Max Sinasohn über. Der Lehrplan der Volksschule entsprach dem für die Berliner öffentlichen Volksschulen maßgeblichen »Normalplan«. Als Zusatzstunden wurden vom 2. Schuljahr ab acht Wochenstunden in den »hebräischen Disziplinen« aufgenommen. Für die oberen Jahrgänge waren fakultative Sprachkurse in Französisch und Englisch mit je drei Wochenstunden eingerichtet worden, in den beiden oberen Klassen wurde Stenographie unterrichtet. Das Schulgeld betrug für jedes Kind in den höheren Schulen 25,- in der Volksschule monatlich 15,- bis 20,- Mark abgestuft.

Nach dem Schuljahrbericht 1931/32 ist der Unterricht in Musik, Zeichnen, Nadelarbeit und Leibesübungen planmäßig durchgeführt worden. Für Turnspiele stand den Adass Jisroel-Schulen der Sportplatz am Bahnhof Zoo zur Verfügung. Der Schwimmunterricht wurde im Sommer in der Badeanstalt des Poststadions erteilt, dort erfolgten auch die Prüfungen im Frei-, Fahrten- und Rettungsschwimmen. Realgymnasium und Oberlyzeum beteiligten sich an dem Herbstfest der höheren Schulen Berlins am 26. August 1931 im Grunewaldstadion mit verschiedenen Staffeln. In Siegmundshof 11 wurde ein besonderer Musikraum eingerichtet, ein Blüthnerflügel und 100 Chorbücher wurden angeschafft. Für jede Anstalt wurde ein Schülerchor gebildet. Für den scheidenden Musiklehrer Direktor Harms übernahm Frau Studienassessor Adrian den Unterricht, zu Beginn des Winterhalbjahres 1931 verliess Studien-Assessor Ari Wohlgemuth (Sohn des Dozenten und Rektors am Rabbiner-Seminar zu Berlin, Dr. Joseph Wohlgemuth) die Schule; für ihn kam Prof. Dr. A. Rosenberg, bis dahin Studienassesor am Köllnischen Gymnasium.

Das Realgymnasium der Adass Jisroel besuchten am 1. Februar 1932 187 Schüler. Der Jahresbericht erläutert einige Besonderheiten des Schullebens: »Der Schülerselbstverwaltung untersteht die 'Günter-Weichselbaum-Bibliothek', welche die in den Arbeitsgemeinschaften der Oberklassen benötigten Bücher zur Verfügung hält. Für die Beaufsichtigung der jüngeren Schüler während der Nachmittagsstunden ist für die werktätige Elternschaft ein Schülerhort gegründet worden, in welchem auch die Schulspeisungen stattfinden«. Das Jahresschulgeld beträgt weiterhin 300,- Mark; 30% der Schüler haben Gebühren-Erlass, für unbemittelte Schüler besteht eine kostenlose Hilfsbücherei. Wanderungen in die Umgebung Berlins, Besichtigungen industrieller Werke, Besuche der Kunstsammlungen Berlins wurden von den verschiedenen Klassen unternommen. »Zu Wanderungen in größere Entfernungen reichten die vorhandenen Mittel nicht aus«.

Jüdische Schule im Nationalsozialismus

Am 20. März 1932 fand im großen Saal des Tiergartenhofs eine Feier der Adass Jisroel unter dem Motto »Goethe - und Entlassungsfeier der Abiturienten« statt. Als Vertreter des Provinzial-Schulkollegiums war Geheimrat Dr. Israel anwesend. Ab 1933/34 findet sich im Jahresbericht kein Hinweis mehr auf gemeinsame Sportfeste mit anderen Berliner Schulen, hier heißt es lediglich: »Für die Abhaltung der Turnspiele stand uns für die höheren Klassen der Sportplatz der Jüdischen Gemeinde zur Verfügung (Grunewald)«. Schwimmunterricht wurde allerdings weiter im Poststadion erteilt. Am 1. Februar 1934 besuchten das Realgymnasium 209 Schüler, 139 das Oberlyzeum. Unverkennbar offenbart sich die zunehmende Nazifizierung und Verfolgung im Schulbericht von 1934: »Das Schuljahr 33/34 hat einen lebhaften Wechsel innerhalb des Lehrerkollegiums gebracht«. Während immer mehr Schüler in die Volks- und Grundschule gehen, musste im Realgymnasium im Oktober 1933 die Obersekunda wegen der Schrumpfung der Schülerzahl aufgelöst werden, auch im Oberlyzeum mussten deshalb die Klassen UI und OII geschlossen werden. Arbeitsgemeinschaften wurden im Berichtsjahr nicht eingerichtet. Die Abiturprüfungen des Oberlyzeums wurden am 7. März 1934 unter Vorsitz von Oberschulrat Kleine, die des Realgymnasiums am 15. März 1934 unter Vorsitz von Oberschulrat Prof. Dr. Hübner abgehalten. Sämtliche zehn bzw. drei Prüflinge erhielten ihr Reifezeugnis. Die in den Schulen von Adass Jisroel 1934 herrschende Stimmung war unübersehbar: »Auf Wunsch vieler Schüler sind während der Nachmittagsstunden freie Kurse in Neuhebräisch abgehalten worden. Die Berufsberatung gestaltete sich äußerst schwierig, da Unterbringungsmöglichkeiten für abgehende Schüler nur sehr beschränkt zur Verfügung standen. Der Abgang in handwerkliche Berufe sowie in die Vorbereitungsstellen für die Auswanderung, besonders nach Palästina, umfasste den weitaus größten Teil der Schulentlassungen«. Die finanzielle Not vieler Familien erfordert die tägliche Verteilung von 90 Essensportionen. Nur ein sehr geringer Teil der Eltern ist noch in der Lage, das jährliche Schulgeld von 300,- Reichsmark zu entrichten. Schulverwaltung und Gemeindevorstand richten mehr »Freistellen« und Schulgeldermäßigungen ein. Auch das so genannte »Elternhilfswerk« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat »für Schüler unserer Anstalt einige Zahlungen übernommen«.
Das Berichtsjahr 1934/35 verstärkt diese Tendenz. Viele Lehrer verlassen die Schule. Im Oberlyzeum gibt es keine Oberstufe mehr, auch die Obersekunda des Realgymnasiums ist mit Ende des 1. Vierteljahres aufgelöst worden. Am 1. Februar 1935 besuchen das Realgymnasium 177, das Oberlyzeum 123 Schüler. Die Reifeprüfung fand am 12. März 1935 unter dem Vorsitz von Oberschulrat Kleine statt, alle drei Prüflinge erhielten ihr Abiturzeugnis. Mädchen legten diesmal keine Abiturprüfungen ab. Der Jahresbericht bezeichnete lakonisch: »Mit der fortschreitenden Verarmung des jüdischen Mittelstandes in Berlin mussten die sozialen Einrichtungen der Schulen weiter ausgebaut werden: Die Schulspeisungen wurden in immer weiterem Maße in Anspruch genommen. Die Verschickung von erholungsbedürftigen Schülern während der Sommerferien belief sich auf 90. Verschickungen fanden statt nach Holland, Dänemark, Schweiz und in das eigene Ferienheim in Niederschönhausen«. Das Schulgeld musste zum großen Teil von der Gemeinde Adass Jisroel und dem »Elternhilfswerk« der Jüdischen Gemeinde zu Berlin aufgebracht werden. Lehrstellen für abgehende Schüler waren zunehmend schwieriger zu erhalten, so beschränkte sich die Berufsberatung auf Vorbereitung der Auswanderung. Am 7. April 1935 fand im jüdischen Brüder-Vereinshaus, Kurfürstenstraße 116, Ecke Landgrafenstraße, ein Abschlussfest der höheren Schule von Adass Jisroel statt. Rahmenthema war »Die Palästinasehnsucht des jüdischen Volkes im Laufe seiner Geschichte«.

Liquidiert wird jetzt die Masse...

Durch Verfügung der Schulabteilung des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg waren die Sexten am 22. Oktober 1934 aufgelöst und in die Volksschule eingegliedert worden. Ab April 1935 durften Realgymnasium und Oberlyzeum durch Verfügung der Schulabteilung des Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg vom 7. Januar 1935 selbständig weder Reifeprüfung abhalten, noch Abiturzeugnisse ausstellen. Ab jetzt unterstanden die Schulen der Adass Jisroel der Aufsicht des Staatskommissars der Stadt Berlin, Schulabteilung. Bis zum Zeitpunkt der endgültigen Schließung des Schulwerkes von Adass Jisroel sollten fortan alle Unterrichts- und Examenstätigkeiten unter der Aufsicht des Staatskommissars der Stadt Berlin stattfinden, einer Behörde, die nicht gerade den Werten von Bildung und Kultur verpflichtet war. Bei der Entlassungsfeier der nun umbenannten »Oberschule für Knaben und Mädchen« von Adass Jisroel, Anfang März 1938, wurden die 18 Abiturienten (15 Jungen, drei Mädchen) von Direktor Schlesinger mit dem Appell verabschiedet, das Bildungsideal von Adass Jisroel niemals zu vergessen, diesem Ideal treu zu bleiben, »sich in die Quellen der jüdischen Kultur zu versenken«, dann übergab er den Abiturienten einzeln ihre mit der staatlichen Berechtigung versehenen Zeugnisse. Die Schüler der Obertertia leiteten ihre »Abschieds-Zeitung« mit dem ironisch gemeinten, unfreiwillig ahnenden Satz ein: »Liquidiert wird jetzt die Masse, 32 Mann hoch war unsre Klasse«. Trotz lustiger und karikierender Beschreibungen von Klassenkameraden und Lehrern zieht sich durch die ganze Zeitung eine gewisse Endzeit-Stimmung hindurch, nicht nur ein Schuljahr geht zu Ende, es sind die ganzen Umstände, die sich ändern: Mitschüler die auswandern, Lehrstellen und Studium, die längst unerreichbar wurden, Ungewissheit, Hoffnungslosigkeit, ein trotziger und trauriger, ein unglaubwürdiger Optimismus. Auf der letzten Zeitungsseite, die der »Annoncen«, liest man folgende Anzeige: »10 Obertertianer beschlossen ihrem lernerfüllten Dasein ein gewaltsames Ende zu machen, indem sie sich in den grausamen Ernst des Lebens stürzten. Das Motiv zur Tat soll der Gedanke an die Zukunft gewesen sein. gez. die trauernden Hinterbliebenen«. Nur noch kurze Zeit trennt den makaberen Humor von der tödlichen Wirklichkeit. »Der Rest der Klasse« verabschiedet sich auf Seite 3 von den Abgehenden: »Die Zeiten sind ernst, besonders für uns Juden in Deutschland. Wir reichen uns alle noch einmal die Hände und versprechen, wohin das Schicksal uns auch verschlägt, treue Kameradschaft zu halten und unsre ganze Kraft immer in den Dienst unseres Volkes zu stellen. ... Lebt wohl ... denkt, auch einmal im fernen Leben an uns, mit denen Ihr Eure sorglose Kinder- und Schulzeit verbracht habt, zurück.« Ende März 1939 wurden die Schulen von Adass Jisroel geschlossen. Sie öffneten nie mehr. Die einen Schüler und Lehrer konnten emigrieren, andere blieben und wurden verschleppt und ermordet. Der Leiter der Grundschulen, Rektor Max Sinasohn, konnte 1942 mit seiner Frau aus Deutschland über die Schweiz nach Palästina fliehen. Direktor Dr. Nachman Schlesinger wurde zunächst von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin als Lehrer an ihre Oberschule übernommen und wirkte dort bis zur Schließung im Juli 1942. Er war erkrankt und wurde am 5. Dezember 1942 auf einer Bahre aus dem Jüdischen Krankenhaus, Iranische Straße 2, abgeholt und in die Sammelstelle Große Hamburger Straße 26 gebracht. Seine Frau Käthe, geborene Bauer, und ihre neun Kinder (David, Hanna, Martin Meyer, Fanny, Rosa, Samuel, Rahel, Betty und Michael) folgen am 8. Dezember von Ihrer Wohnung in Berlin NW 87, Lessingstraße 13, V.II. Am nächsten Tag wurden alle mit dem so genannten »24. Osttransport«, der an diesem Tag 1000 Personen umfasste, nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.