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Das Rabbiner-Seminar
Das Rabbiner-Seminar zu Berlin - die ersten 25 Jahre
(Eine Chronik des Dozenten-Kollegium aus dem Jahre 1898)
Die Begründung des Rabbiner-Seminars zu Berlin ist mit der im September 1869 erfolgten Berufung Dr. Esriel Hildesheimers nach Berlin an die Spitze der soeben begründeten gesetzestreuen Synagogen-Gemeinde eng verknüpft. Er hatte die Übernahme des Rabbinats dieser Gemeinde an die Bedingung geknüpft, dass ihm die Möglichkeit gesichert werde, seine bisherige rabbinische Lehrwirksamkeit mit vermehrten Mitteln und Kräften in Berlin fortzusetzen. Mit der ihn auszeichnenden Energie eröffnete er auch sofort, im Oktober desselben Jahres, seine Lehrvorträge. Eine Reihe hervorragender Schüler seiner bisherigen Bildungsanstalt waren dem verehrten Lehrer aus Eisenstadt nach Berlin gefolgt, um hier unter seiner Leitung ihre Ausbildung fortzusetzen. Zu gleicher Zeit scharte sich auch eine Anzahl wissensdurstiger Schüler aus Deutschland um ihn, angezogen durch den Ruf seiner Gelehrsamkeit und seines unermüdlichen Lehreifers, gefesselt durch seine liebreiche, für alle Bedürfnisse seiner Jünger hilfsbereiten Güte und durch die vorbildliche Lebensführung dieses Meisters, dessen ganzes Wirken in der Hingebung an edle Liebeswerke, wie in der Wahrung und Erhaltung des überlieferten Judentums sich erschöpfte.Rabbinat und Universität
Die Stifter
Es waren unvergesslich schöne Jahre idealen Wetteifers im Studium unserer Religionsquellen, welche Gleichstrebende aus allen Richtungen der Windrose zusammengeführt hatten und in der Verehrung ihres Lehrers einten. Die damaligen Schüler waren gleichzeitig Hörer der Berliner Universität, an der sie ihren wissenschaftlichen Studien oblagen. Diese Studien wurden aber ohne System, ohne bestimmte Beziehung auf den rabbinischen Hauptberuf betrieben und ermangelten hierdurch der Planmässigkeit und Geschlossenheit, die jedem zielbewussten Arbeiten zu Grunde liegen muss. Mit diesem von den Hörern selbst tief empfundenen Mangel verband sich noch ein weiterer, schwerwiegender: für eine Reihe von Disziplinen der jüdischen Wissenschaft, deren Behandlung ihnen unentbehrlich war, wie Bibel-Erklärung, jüdische Geschichte und Literatur, Religionsphilosophie, Homiletik, fehlte es ihnen an einer sachkundigen Führung. Von Seiten dieser Hörer wurde daher ihrem Lehrer das dringende Verlangen nach einer Anstalt unterbreitet, welche diese unerlässlichen Wissensgebiete in ihren Plan aufnehme und ihren Schülern ein abgerundetes Studium ermögliche. Dr. Hildesheimer, welcher selbst diese Notwendigkeit längst erkannte, nahm mit Feuereifer die Verwirklichung dieses ihm seit Jahren vorschwebenden Gedankens auf. Sein Streben fand alsbald verständnisvoll Förderung bei einem Kreise von Gelehrten, welche, im Dienste unseres Bekenntnisses erprobt, mit dem warmen Empfinden für die ungetrübte Erhaltung und Kräftigung des überlieferten Judentums einen klaren Blick für die Bedürfnisse der Zeit verbanden. Mit freudiger Bereitwilligkeit stellten die Herren Oberrath J. Altmann - Karlsruhe, Rabbiner Dr. Auerbach - Halberstadt, Landrabbiner Dr. Cohn - Schwerin (später in Berlin), Banquier A. H. Heymann - Berlin, Gustav Hirsch - Berlin, Sally Lewison - Hamburg und Emanuel Schwarzschild - Frankfurt a.M. ihre gereifte Erfahrung und hilfseifrige Tatkraft in den Dienst des Werkes, dessen weitere Entwicklung bis zu seiner völligen Ausgestaltung in dem ersten Rechenschaftsbericht der Jahres 1873 errichteten Lehranstalt wie folgt dargestellt wird:»(Rabbiner Esriel Hildesheimer) ergriff im Ijar 5632 die Initiative und wandte sich zunächst an zehn hervorragende Persönlichkeiten in den verschiedenen Teilen Deutschlands, setzte ihnen auseinander, wie die Notwendigkeit, gerade in Berlin, der Metropole und für den jüdischen Studenten fast unentbehrlichen Universitätsstadt, eine Pflanzstätte für jüdisches Wissen im Sinne und im Geiste unserer Überlieferungen zu begründen, nicht mehr abzuweisen sei, und indem er ihnen zugleich die Grundzüge für die Herstellung eines solchen Instituts mitteilte, bat er, ratend und helfend beizustehen. Es sprachen sich alle diese Männer mit Begeisterung für die Realisierung des Planes aus, dass nämlich in Berlin eine Anstalt begründet werde, welche auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehend, die heranzubildenden Rabbiner vor allem mit einer gründlicheren und umfassenden Kenntnis des biblischen und talmudischen Schrifttums und der daraus hergeleiteten Ritualnormen auszustatten verbürgt, welche ferner ihre Hörer in allen den Disziplinen der jüdischen Wissenschaft ausbildet und zur selbständigen Produktivität erzieht, deren Studium eine Forderung der heutigen Zeitbildung ist, und welche endlich auch die religiöse Erziehung ihrer Hörer anstrebt.
Es konnte bei der grossen Tragweite des Werkes nicht fehlen, dass Männer sich bereit fanden, die Agitation für die Möglichkeit seiner Ausführung in Händen zu nehmen. Die Unterzeichneten traten, vertrauensvoll auf des Höchsten Beistand blickend, zu einem nunmehr notwendig gewordenen Central-Comité zusammen, ihm zur Seite bildeten sich bald darauf in fünf Städten Local-Comité’s, welche die Propaganda am jeweiligen Ort wesentlich förderten und einen grossen Teil zur Förderung des Werkes beitrugen. Ihr Vertrauen hatte sie nicht getäuscht. Ein Aufruf des Central-Comité’s zur Beisteuer für die nötigen Fonds resp. Jahresbeiträge hatte sofort die grossartigsten Resultate: der erste Aufruf hierfür und der Bericht vom 1. Mai 1873 konnten bereits ausser nicht unerheblichen Zuwendungen von Effecten und Werken für die Bibliothek ca. 20 830 Thlr. für den Fonds und ca. 5500 Thls. Jährlicher Beiträge nachweisen und der vom 1. Oktober eine Steigerung der letzteren auf ca. 6100 Thlr.
Ein so tüchtiges, opferfreudiges Zusammenwirken hervorragender Menschen, zumeist der deutschen, aber auch zum großen Theil der ausserdeutschen Judenheit, musste ermutigend auf die Unternehmer wirken und dieselben an die Ausführung gehen lassen. In reiflicher, teils schriftlicher, teils mündlicher Beratung wurde das Statut vereinbart, in demselben zugleich die Lehrgegenstände des Seminars spezifiziert, für die rechtzeitig die Dozenten gewählt wurden, um ihnen in der Zwischenzeit bis zur Eröffnung des Seminars Musse und Gelegenheit zu geben, sich für die einzelnen Disziplinen entsprechend vorzubereiten.
Ein geeignetes Grundstück (Gipsstr. 12a) wurde unter recht günstigen Bedingungen erworben, um dem Institute eine bleibende Stätte zu sichern. Zur Erreichung der Rechte einer juristischen Person wurden die nötigen Schritte bei den betreffenden Behörden getan; sie wurden durch den Allerhöchsten Erlass vom 29. November 1873, welcher dem Seminar die Korporations-Rechte verleiht, von dem glücklichsten Erfolge gekrönt«.


