• Grafik
  • Grafik

Geht man in Berlin die Torstraße von der Friedrichstraße kommend in östlicher Richtung, so sieht man nach der Ecke Ackerstraße auf der rechten Straßenseite ein viergeschossiges Gebäude mit Klinkerfassade, das die Nummer 146 trägt. Schaut man sich die Hausfront genauer an, stößt man auf eine andere, ein wenig verblasste Hausnummer, - die 85 -, die nicht aus Emaille, sondern aus Klinkerstein besteht, in der Oberfläche eingelassen ist und auf eine Umnumerierung der Straße schließen lässt. Weiß man dann auch noch, dass die jetzige Torstraße im Jahr 1950 Wilhelm-Pieck-Str. benannt und aus der Umbenennung zweier anderer Straßen gebildet wurde, nämlich der Elsässer, die seit 1872 den Abschnitt zwischen Friedrichstraße und Rosenthaler Platz bezeichnete, und der Lothringerstr., die die Fortsetzung der Elsässer bis zum einstigen Prenzlauer Tor war - so ist das Ergebnis eindeutig: Man steht vor dem Haus "Elsässer Str. 85", dem langjährigen Sitz des Gemeindekrankenhauses der Adass Jisroel, dem »Israelitischen Krankenheim«.

Spurensuche

Seit Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde das Haus von der Reichsbahndirektion Berlin genützt. Das Tor ist breit genug, um Krankenwagen die Einfahrt in den Hof zu ermöglichen, der Weg dorthin führt über einen Gewölbe-Raum mit farbigen Kacheln im maurischen Stil und Stuck-Ornamenten an der Decke. Man steigt einige Stufen und schon ist man im Erdgeschoss des Krankenheims, nach den ersten zwei Türen, hinter denen damals Schwestern und später Büroangestellte tätig waren, ist an der rechten Seite eine in der Wand fest verankerte Gedenktafel aus Stein zu sehen mit folgender Inschrift: »Dem Begründer und opferfreudigen Leiter des Israelitischen Krankenheims Adolf Goldschmidt in dankbarer Anerkennung zu dauerndem Gedächtnis«. Wer war dieser Adolf Goldschmidt?  Wie das Telefonbuch informiert handelt sich um »Ad. Goldschmidt, Berlin C., Neue Friedrichstraße 44«, ein Adassianer aus der Gründerzeit, der dem jüdischen orthodoxen Berlin »unter Aufsicht Se. Ehrw. Herr Rabb. Dr. Hildesheimer« koschere »Hochfeine Dampfmolkerei-Butter« verkaufte. Am 15. Dezember 1901 war im Amtsgericht Berlin die Satzung der »Chewra Kadischa« der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin genehmigt worden. Der erste eingetragene Vorstand setzte sich zusammen aus:
  • 1. Aron Adolf Goldschmidt, Kaufmann
  • 2. Dr. Hirsch Hildesheimer, Dozent des Rabbiner-Seminars
  • 3. Saaling Lewin, Rentier
  • 4. Gabriel Rosenberg, Kaufmann
  • 5. Jacob Archenhold, Kaufmann
Seit ihrer Gründung hatte die Gemeinde Adass Jisroel, wie es heißt, »in altjüdischer Weise« ihre Toten durch einen Kreis von Mitgliedern bestatten lassen, die diese Tätigkeit als eine der ehrenwertesten im Wirken einer jüdischen Gemeinschaft überhaupt ansahen.

Liebesdienste und Chewra Kadischa

1890 wurde, wenn auch noch nicht als eingetragener Verein, die Chewra Kadischa der Gemeinde gegründet. Adolf Goldschmidt, ihr erster Vorsitzender, der in dieser Funktion die nächsten 17 Jahre amtieren sollte, leitete die »Heilige Gesellschaft«, die sich auch mit dem Besuch und der Pflege von Kranken und der Vermittlung von Badereisen beschäftigte. Dank einer großen Geldspende des Gemeinde-Mitbegründers Abraham Zamory (»Chachenez- und Tücher-Fabrikant, Grüner Weg 9-10«) gelang 1900 die Errichtung eines eigenen Krankenheims, einer Heilstätte, »in welcher allen Anforderungen des jüdischen Religionsgesetzes wie der modernen Hygiene peinlichste Rechnung getragen wird«. Bis 1909 sollte das Krankenheim zwei Adressen haben: zunächst Prenzlauer Allee 36, wegen Raummangel dann Königgrätzer Str. (heute Stresemannstr.) 46. Ein Kuratorium war das Leitungsgremium des Krankenheims. Es musste jährlich dem Unterstützungsverein, mit Kopie an den Gemeindevorstand, einen Rechenschaftsbericht vorlegen. Das Rabbinat hatte in allen religionsgesetzlichen Fragen, besonders was die Verpflegung anbelangt, das letzte Wort. Demgegenüber sicherte das Vereins-Statut dem Rabbinat keinerlei Befugnisse in medizinischen Fragen.

Am 10. Dezember 1907 war der Mäzen  Adolf Goldschmidt aus dem Vorstand der Chewra Kadischa und somit aus der Leitung des Krankenheims ausgeschieden. Sein Nachfolger sollte der legendäre Moritz (Mosche) Knoller werden. Mit eiserner Hand leitete er die Chewra Kadischa bis zum August 1930 (als er als Vorsitzender zunächst durch Isidor Geis abgelöst wurde), den Ehrenvorsitz des Krankenheims behielt er bis April 1936, als er in Berlin starb.

Vorläufer des Krankenheims

Im Verzeichnis der in Berlin und Charlottenburg vorhandenen Privat-Krankenanstalten vom 5.11.1894 wird unter der Nr. 31 das Allgemeine Krankenheim von Dr. Levy als Dirigent und Dr. Feilchenfeld als Assistent in der Prenzlauer Allee 36b, Gartenhaus, Parterre und 1. Etage aufgeführt. Diese Anstalt hatte 31 Betten und der Verpflegungssatz für Kranke, welche in der Unfallstation aufgenommen werden, betrug vier Mark täglich. Kranke aus der Privatpraxis von Dr. Levy bezahlten »nach Vermögen«, jedoch nicht unter vier Mark. Ein weiteres Verzeichnis aus diesem Jahr gibt zusätzlich Auskunft über den Charakter der Klinik von Dr. Levy: Die Anstalt war für Patienten aus seiner Privatpraxis, Hirtenstr. 22, und für Kranke bestimmt, die »seitens verschiedener gewerblicher Krankenkassen dorthin gebracht werden«.

Erst die »Nachweisung« der im Laufe des Jahres 1909 neu eröffneten Privat-Anstalten und Krankenhäuser verzeichnet erstmalig unter  »Eigentümer: Kuratorium des Israelitischen Krankenheims« - die Elsässer Str. 85 mit 36 Betten, Eröffnungsdatum 27.1.1909. Das »Verzeichnis der zur Annahme von Medizinalpraktikanten ermächtigten Krankenhäuser und medizinisch-wissenschaftlichen Institute in Berlin« weist für das Jahr 1921 dem Israelitischen Krankenheim die Zulassung für die Ausbildung eines Praktikanten zu. Das »Israelitische Krankenheim« von Adass Jisroel ist zur Jahreswende 1921/22 bereits fest in Berlin etabliert: 1919  50 Betten und vier Abteilungen. Das Krankenheim war für jüdische Frauen und Männer bestimmt, die in der I. Klasse 50-75 Mark, in der II. Klasse 36 Mark und in der III. Klasse 24 Mark für den täglichen Aufenthalt mit ritueller Verpflegung zahlten. Das  »Verzeichnis« für 1923 weist das Israelitische Krankenheim mit einem Assistenten, 11 Personen Pflegepersonal, 56 Betten nach, für die innere Abteilung ist Prof. Dr. Paul Friedrich Richter (leitender Arzt am städtischen Krankenhaus am Friedrichshain), für die äußere Abteilung Dr. Alfred Peiser hinzugekommen. Durch die »Ergänzenden Angaben«, die gesondert für den Bezirk Berlin-Mitte 1924 herauskommen, erfährt man die durchschnittliche Belegungszahl für das Jahr 1923: 569 Patienten, die Anstalt bildet einen Medizinal-Praktikanten aus, der wirtschaftliche Betrieb wird durch die Oberschwester geleitet, der Leiter der Krankenanstalt erhält keine Besoldung. Für das Jahr 1925 liegen spezifizierte Angaben über die Arbeit der geburtshilflichen und gynäkologischen Abteilung von Dr. Peiser vor: Ihm stehen 15 Betten zur Verfügung, im letzten Jahr sind dort (errechnet nach dem Durchschnitt der letzten beiden Jahre) ca. 150 Entbindungen vorgenommen worden, es gab ca. 30 Fehlgeburten und ca. 50 andere »gynäkologische Fälle«. Das Krankenhaus bildet einen Medizinalpraktikanten aus, der als Vergünstigung  »Wäsche, freie Station« genießt.

Hohes medizinisches Niveau

Am 22.Juni 1926 bittet der Leiter der Abteilung I  im Polizeipräsidium, Berlin-Schöneberg, Gothaer Str. 19, sämtliche Kreisärzte, mit Ausnahme von Prenzlauer Berg, Neukölln, Treptow und Pankow, um Berichte über die Eignung der dortigen Privatkliniken für die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses in Geburtshilfe und Gynäkologie. Ein Vergleich mit den Berichten, die Dr. Dr. Lustig als Leiter der Abteilung I des Polizeipräsidiums regelmäßig bzw. auf Anforderung an seine übergeordnete Behörde, dem Minister für Volkswohlfahrt, Berlin W 8, Leipziger Str. 3, zukommen lässt, zeigt die Prüfungs-Tätigkeit seiner Dienststelle nicht als problemlose Formalität, sondern eher als strenge und unvorhersehbare Hürde, bei der oft genug nicht nur Privatkliniken sondern auch städtische Krankenanstalten durchfallen. Am 15.1.1930 meldet Medizinalrat Dr. Merrem, von der Abteilung I. des Polizeipräsidiums, an den Kreisarzt von Berlin-Mitte, Vorsitzender des Kuratoriums des »Israelitischen Krankenheims« sei nicht mehr Moritz Knoller, sondern nunmehr (Gottlieb) Bier, Fasanenstr. 32. Dr. Jacob Levy, der letzte Schularzt von Adass Jisroel, hat in seinen 1963 veröffentlichten Erinnerungen über das »Israelitische Krankenheim« ausgeführt:
«Es war vor allem der Initiative von Dr. Biberfeld, dem geistigen Führer der Chewra und einem ihrer tätigsten Mitglieder, zu verdanken, dass die Adass Jisroel ein eigenes Krankenhaus schuf. Er wurde dabei auch von Dr. Julius Preuß unterstützt, dem bekannten historischen Forscher der "Biblisch-talmudischen Medizin".»
Dr. Eduard Biberfeld, selbst Arzt und Rabbiner, bemühte sich darum, geeignete leitende Ärzte zu gewinnen. Es gelang ihm, Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal als Chefarzt der inneren Abteilung an das Krankenhaus zu verpflichten, der einen wissenschaftlichen Ruf - auch als Krebsforscher - in Berliner Ärztekreisen genoss.  Dr. Adler (später Dr. Peyser) war als Chirurg, der jüngere Dr. Joseph Hirsch, ein Mitglied der Familie Hirsch-(Halberstadt) als Gynäkologe tätig. Die Familie Hirsch soll sich mit einem ansehnlichen Betrag an der Gründung des Krankenheims beteiligt haben. Dr. Levy erzählt:
«Das wissenschaftliche Niveau der medizinischen Arbeit kann man schon aus folgender Beobachtung ersehen, die ich im Jahre 1909 in meiner Tätigkeit als Famulus machte. Die Assistenten machten schon zu dieser Zeit selbst Stickstoffuntersuchungen im Blut, und die damals ganz neue Methode der Färbung von Blut-Ausstrichen zur Zählung und Wertung der weißen Blutkörperchen wurde in dem kleinen Laboratorium im Keller des Krankenheims durchgeführt.»

Jüdischer Geist

Dr. Levy erzählt weiter:
«Aber das war nicht die wesentliche Bedeutung des Krankenheims. Das Charakteristische war, dass neben der vorzüglichen medizinischen Behandlung der Kranken ein jüdischer Geist das Krankenheim durchzog. Das war das Werk der Zusammenarbeit von drei Faktoren: Da war erstens die Persönlichkeit von Mosche Knoller, dem Vorsitzenden der Chewra, der sich persönlich um alle Einzelheiten kümmerte. Er machte regelmäßig bei den Kranken »Visite«. In seiner manchmal etwas derben Art (er sagte: »In der mir eigenen dezenten Weise«), aber immer in einem von Herzen kommenden Ton redete er mit den Patienten, hörte ihre Beschwerden an, machte ihnen Mut.
"Ich, Professor Mosche Knoller, sage Ihnen, Sie sind in einer Woche gesund!" hörte ich ihn zu einem Patienten sagen. Obwohl ich seine Prognose durchaus nicht für sicher hielt, sah ich doch, wie sich das Gesicht des Kranken dabei aufhellte. In späteren Jahren, nach dem Tode von Mosche Knoller, hat sich Gottlieb Bier um das Wohl der Kranken und des Heims gekümmert.
Der zweite Faktor: Die jüdische Einstellung der Assistenzärzte, die Knoller anstellte. Ich will nur einige Namen nennen: Max Meyer (später USA), Salomon Lieben, Willi Hofmann, Raphael Gluskinos, Ivan Haarburger, Isaac Bamberger (später Tel Aviv), Simon Schereschewsky, der später an der Stelle von Dr. Tugendreich als Röntgenologe des Krankenheims tätig war (später Jerusalem). Diese jüngeren Ärzte waren sich mosser nefesch (Anm.: Setzten sich mit Leib und Seele ein) nicht nur für die Kranken, sondern auch für das Judentum.
Und zum Schluss: der Einfluss der Schwesternschaft. Ich möchte hier nur zwei Namen nennen: Schwester Selma, (später Sally Guggenheim, Basel) und Schwester Recha Feuchtwanger. Vor der tiefen Frömmigkeit, die gerade Schwester Recha ausstrahlte, kann man sich ein Bild machen, wenn man hört, dass sie oft eine Stunde vor dem Dienst aufstand, um in Ruhe Schacharith (das Morgengebet) zu beten.
So geartet waren die Menschen, die im Krankenheim der Adass Jisroel wirkten. Man gab Gesundung für den Körper und Gesundung der jüdischen Seele. Heute würde man diese Kombination »Psychosomatik« nennen.»

Krankenheim im Nationalsozialismus

Von 1934 bis zu ihrer Auflösung durch die Nazis stellte der Vorstand der Chewra Kadischa von Adass Jisroel das Kuratorium des  »Israelitischen Krankenheims« unter den Vorsitz von Jacob Kempe. Verschiedene »Sanitätspolizeiliche« Unterlagen geben Einblick in die neuen, von den Nazis geschaffenen Verhältnisse, mit denen sich das Krankenheim sowie alle jüdischen medizinischen Einrichtungen auseinander zu setzen hatten. Berichtet wird zunächst seitens des Gesundheitsamts Weißensee von einem  »Jüdischen Dauerheim« mit etwa 80-90 Patienten und der Taubstummenanstalt mit ca. 50 Schülern. Sie wurden »Durch einen jüdischen Heilbehandler, der im Bezirk Horst Wessel wohnt« versorgt. Die Reichsärztekammer in Berlin soll entscheiden, ob ein jüdischer Arzt aus Weißensee zur Unterstützung der erwähnten Anstalten beigezogen werden kann oder ein jüdischer Arzt aus dem Westen dorthin zwangsübersiedelt werden soll. Das Bezirksamt Wilmersdorf meldete ein schweres Problem: Bürgermeister Dr. Petzke unterrichtete am 28.Juni 1938 Beigeordnete und Beiräte davon, dass trotz mannigfaltiger Behinderungen »noch immer 170 jüdische Leser« die Ausleihe in der Büchereihauptstelle beanspruchen. Es müsse geprüft werden, wie dieser Missstand abgestellt wird. Jedenfalls erscheint ein Ausschluss der Juden von den Einrichtungen der Säuglings- und Kleinkinderfürsorge  »geboten«: »Es kann deutschen Müttern nicht zugemutet werden, mit ihren Säuglingen staatliche bzw. städtische Einrichtungen aufzusuchen, in denen Angehörige der jüdischen Rasse mit ihren Kindern ebenfalls eine Behandlung anstreben bzw. in denen die Behandlung oder Betreuung jüdischer Kinder durchgeführt wird. Eine Betreuung jüdischer Säuglinge liegt übrigens nicht im Interesse des nationalsozialistischen Staates (...)  Der Ausschluss der die städtische Säuglings- und Kleinkinderfürsorge noch aufsuchenden 39 jüdischen Mütter soll mit sofortiger Wirkung geschehen«.
Am 8. Juli 1939 schreibt der bekannte Gestapo-Müller an den Oberbürgermeister der Reichshauptstadt Berlin und schüttet ihm sein sorgenvolles Herz aus: Wie ihm mitgeteilt worden sei, befinden sich im Israelitischen Krankenheim von Adass Jisroel »eine Reihe arischer Patienten«. Dazu erklärt er:

»Da die Aufnahme von Ariern in jüdischen Krankenhäusern schon deshalb unerwünscht erscheint, weil möglicherweise infolge von Platzmangel Juden in arischen Krankenhäusern untergebracht werden müssten, bitte ich um Mitteilung, ob im Rahmen der dortigen Zuständigkeit eine Möglichkeit besteht, diesem Missstand abzuhelfen. Anderenfalls wäre ich bereit, den jüdischen Krankenhäusern die Aufnahme von Ariern, die nicht der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören, - mit Ausnahme von Notfällen - von hier zu verbieten.«
Der Oberbürgermeister nimmt die Anregung der Gestapo freudig an, vermerkt handschriftlich am Rande des Schreibens von Müller ein uneingeschränktes »gut!«. Er antwortet der Gestapo, besondere Maßnahmen gegen das Krankenheim von Adass Jisroel seien schon deshalb nicht erforderlich, weil es nach der 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, die in knapp sechs Wochen, am 1.Oktober 1938, in Kraft treten sollte, es unmöglich wird, dass deutsche Patienten in jüdischen Krankenhäusern behandelt werden. Mit selber Post schreibt er an das Gesundheitsamt von Berlin-Mitte, berichtet von dem hilfreichen Hinweis der Gestapo, im »Israelitischen Krankenheim« würde sich »eine Reihe arischer Patienten« befinden und bittet »gelegentlich der nächsten Besichtigung dieses Krankenhauses auf diesen Missstand besonders zu achten«.

Entrechtung und Verarmung

Die Approbationen jüdischer Ärzte erloschen zum 30. September 1938. Jüdische Ärzte konnten nunmehr nur noch jüdische Patienten behandeln; für die medizinische Versorgung aller Berliner Juden - einschl. Hospitäler, Altersheime usw. - sollten 175 jüdische Ärzte Zulassungen erhalten. Für das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gab es eine besondere Kontingentierung. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde schrieb am 11. August 1938 die Hauptgesundheitsverwaltung beim Oberbürgermeister an. Da die Krankenhausärzte sämtlich (mit vereinzelten Ausnahmen) ehrenamtlich tätig seien, bittet die Jüdische Gemeinde ihnen die Zulassung der Privatpraxen nicht fortzunehmen, weil sie dann keine Existenzgrundlage mehr hätten, sie zur Auswanderung oder zur beruflichen Umschichtung gezwungen wären und die Krankenversorgung der Juden in Berlin zusammenbrechen würde. Der Antrag der Jüdischen Gemeinde schließt das Krankenheim von Adass Jisroel mit ein. Dieses Krankenhaus - wird ausgeführt - hat 45 Betten, angegliedert ist eine staatlich anerkannte Krankenpflege-Schule. Sämtliche Ärzte, mit Ausnahme des Hausarztes Dr. Gerhard Glaser, sind ehrenamtlich tätig. Die Jüdische Gemeinde schrieb abermals am 12. August 1938 das Hauptgesundheitsamt an, um erneut zu bekräftigen, die Aufrechterhaltung der Privatpraxen diene der medizinischen Versorgung der Juden in Berlin und indirekt der gesamten Bevölkerung, keinesfalls ginge es um die finanziellen Interessen der jüdischen Ärzte:
»Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden Berlins werden von Monat zu Monat schlechter, so dass die Zahl derjenigen Patienten, die in der Lage sind, ärztliche Honorare zu zahlen, immer kleiner wird«;
um ein Minimum an der medizinischen Versorgung zu garantieren, reichte die Jüdische Gemeinde eine überarbeitete und gekürzte Namensliste von Ärzten ein, die sie als unerlässlich bezeichnete. Für Dr. Otto Albert Schwarz, vom »Israelitischen Krankenheim«, wird dabei eine Zulassung nicht mehr, für Dr. Glaser und Dr. Roos werden Zulassungen beschränkt auf die Tätigkeit im Krankenheim beantragt, für die restlichen leitenden sieben Ärzte des Krankenheims wird der Antrag aufrechterhalten. Die Kürzungen aber gehen weiter, die ehemalige „Jüdische Poliklinik“ am Bülowplatz, die jährlich 40.000 Patienten, in ihrer Mehrheit minderbemittelte und mittellose Patienten behandelte, würde geschlossen werden. Die Jüdische Gemeinde hoffte noch mit ihrem Schreiben vom 15. August 1938 an die Ärztekammer, mit dem Angebot einer 50 % Reduzierung des zugelassenen Personals, die Poliklinik weiter betreiben zu können.

Pogromnacht und das Ende

Dr. Arno Hermann, treuer Nazi aus der Kampfzeit und frischgebackener »Beauftragter für jüdische Behandler« bei der Ärztekammer Berlin, belehrt am 12. Oktober 1938 jüdische Ärzte, wie sie sich zu verhalten haben: »Sie sind verpflichtet, sich davon zu vergewissern, dass der von Ihnen Behandelte ein Jude ist«, ein Schild 30 mal 25 cm in Grundfarbe Himmelblau mit schwarzer Schrift ist an der Haustür mit dem Satz anzubringen: »Zur ärztlichen Behandlung ausschließlich von Juden berechtigt«; weiterhin ist »in der linken oberen Ecke (...) Eine zitronengelbe kreisförmige Fläche mit einem Durchmesser von 5 cm anzubringen, in der der blaue Davidstern mit einer Dreieckhöhe von 3 ½ cm erscheint«. Nun ist alles beinahe perfekt, doch weil sich Dr. Hermann offensichtlich so sehr um die finanziellen Belange der ihm unterstellten jüdischen Ärzte kümmert »ist es empfehlenswert«, schon jetzt den gemäß § 2 der Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen  »Geforderten vorzusetzenden Vornamen Israel bzw. Sara auf dem Schild, zur Vermeidung späterer Unkosten zu vermerken«. Ein fürsorglicher Antisemit.

Der 9. November 1938 verdeutlichte abermals, welches Schicksal den Juden in Deutschland vorbestimmt wurde: Die »Krankenhilfe der Jüdischen Gemeinde« (Poliklinik), das große Haus am Alexanderplatz, Alexanderstr. 1, war in der Pogromnacht völlig verwüstet, die Geräte zerstört, die Patientenkartei angezündet worden. Nur der Nachbarschaft zu nicht-jüdischen Werkstätten war es zu verdanken, dass das Haus nicht in Flammen gesteckt wurde.
Mit der juristischen Auflösung der Chewra Kadischa von Adass Jisroel und ihrer »Eingliederung« in die  »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland« am 25. Oktober 1939 wurde auch das tatsächliche Ende des  Israelitischen Krankenheims vorweggenommen. Das Israelitische Krankenheim wurde vermutlich  Ende September 1941 geschlossen, die letzten Grabkarten aus der Friedhofskartei von Adass Jisroel, die das Krankenheim als Sterbeort angeben, tragen dieses Datum. In welcher Form die Schließung geschah, wohin Patienten, Personal und Geräte kamen, ist nicht bekannt. Im September 1941 war die Erfassung der Berliner Juden längst abgeschlossen, ihre Deportation in die Vernichtungslager bereits im Gange.
Vom letzten fünfköpfigen Vorstand der Chewra Kadischa, die das Kuratorium des Krankenheims leitete, sind vier Menschen von nicht-jüdischen Landsleuten umgebracht worden: Jacob Kempe, Lehmann Weichselbaum und Ludwig Knoller in Konzentrationslagern, Dr. Marcus Birnbaum hat - wie es heißt - unter »ungeklärten Umständen« in Amsterdam den Tod gefunden. Bis 1945 war das Haus Elsässer Str. 85 HJ-Heim und Sitz eines Büros der nazifizierten »Reichsvereinigung der Juden in Deutschland«, die dem Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg („Vermögensverwertungsstelle“) bei der Liquidation von jüdischem Vermögen zuzuarbeiten hatte.

8. Mai 1945

Nach dem 8. Mai 1945 wurde das Polizeipräsidium Berlin dort untergebracht. Anfang der 50er Jahre zog eine Dienststelle der Deutschen Reichsbahn ein. Von den Ärzten des Israelitischen Krankenheims sind mit einer Ausnahme alle getötet, bzw. ins Ausland getrieben worden. Nur einer hat das Morden  überlebt und war 1945 (noch oder wieder) in Berlin. Nach der Ausgabe von Dezember 1945 des amtlichen Fernsprechbuchs war Augenarzt Dr. Fritz Hirschfeld in Berlin-Lichtenberg, Möllendorffstr. 10, niedergelassen. Ein Jahr danach, im Oktober 1946, lebte er in Pankow, Breitestr. 32.

Heute weiß man nichts mehr davon, dass in dem Haus, Elsässer Str. 85 (Torstr. 146), für 30 Jahre, wie der Bericht der Jüdischen Gemeinde vom August 1938 erklärte, das »zweite große jüdische Krankenhaus Berlins« sich befand. Über der Eingangstür im Hinterhof war in Relief ein Magen David eingemauert, ein Davidschild, mit den hebräischen Buchstaben Beth und He, Kürzel von »B’esrát Haschém« (»mit G’ttes Hilfe«). Die Architekten der Neuen Deutschen Ordnung konnten offensichtlich an einer Außenwand solches nicht dulden, haben sich also an die Arbeit gemacht und vollständig Magen David und Lettern abgetragen. Sie haben sie derart gründlich beseitigen wollen, dass sie unter der Oberfläche weiter gehauen und damit die Zeichen erneut eingemeisselt haben. Sie bleiben unübersehbar.
Im Erdgeschoß des Hauses, am Ende eines verwinkelten Ganges, vor einer Bürotür, hing ein helles Schild mit schwarzen Buchstaben: »Moritz Knoller Zimmer«: Das Direktorzimmer von Mosche Moritz Knoller, der jeden Morgen von seiner Wohnung, um die Ecke, Gartenstr. 2, zum Krankenheim kam, - der Mann, von dem Rabbiner Esra Munk in seiner Trauerrede im April 1936 sagte, er verkörpere eine seltene Paarung von Ernst und Heiterkeit, sein ganzes Leben sei Dienst an seiner Gemeinde gewesen, an der Schule, an der Chewra Kadischa, an dem Krankenheim, ein Dienst in Freude. Als Moritz Knoller am 10. April 1936 im 82. Lebensjahr starb, wurde er von seiner trauernden Gemeinde aus seiner letzten Wohnung, Levetzowstr. 12 abgeholt und zum Siegmundshof 11 gebracht. Rabbiner Munk berichtet:
»Als wir die Bahre mit den sterblichen Überresten Mosche Knollers aus seinem Hause abholten und über die Strassen zogen, vorbei an diesem Beth Knesset, da blickten die Passanten der Straße erstaunt auf diesen Trauerzug. An tausend Menschen folgten der Bahre. Da mögen sie gedacht haben: Das muss eine schwere Trauer sein für die Juden!«
Sechs Jahre danach sollte sich, erneut unter den erstaunten Blicken Berliner Passanten und Tiergartener Anwohner, eine massenhafte Wiederholung unter geänderten Vorzeichen ereignen: Juden aus allen Teilen Berlins, junge und alte, Kinder, Kranke bewegen sich in einer Vorwegnahme des eigenen Trauerzuges zum Haus des Studiums und des Gebets, das zum Haus des Horrors und des Todes umfunktioniert wurde: Das war - so wie Esra Munk gesagt hatte - eine schwere Trauer für die Juden, das war Tod zu Lebzeiten. Das, was Moritz Knoller durch seinen natürlichen Tod 1936 erspart blieb, haben seine Söhne Ludwig und Simon am eigenen Leib durchgemacht. Das Werk, das von Moritz’ Vater , Simon, sowie von Carl und Julius Knoller in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde, haben die Enkel von Moritz Knoller nicht mehr fortführen können. Das Werk ihrer Vorfahren wurde zerstört, verbrannt, seine Spuren vom Wind weggefegt. Der Nachruf, mit dem Moritz Knoller von allen Gemeindegremien am 23. April 1936 in der Zeitung »Der Israelit« gewürdigt wurde, schloss mit dem Satz:  »Der Schöpfer wird in seinem Werke fortleben!«.