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Adass Jisroel
09. November 2018

DER 9. NOVEMBER UND DIE DEZIMAL-LOGIK DES GEDENKENS

Beim Anblick der großen Zahl von Gedenkveranstaltungen zum 9. November 2018 ist man geneigt zu sagen „So viel Gedenken war noch nie“. Das ist ungenau. Vor 30 Jahren, am 9. November 1988, zum 50. Jahrestag des Novemberpogroms, war genauso viel, wenn nicht noch mehr. Da wurde dreifach, in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn, in Ostberlin, Hauptstadt der DDR und im Westen Berlins erinnert. Der Westen Deutschlands war bemüht zu zeigen, seht her, alles gut gemacht, Musterschüler; das östliche Deutschland war felsenfest überzeugt, die Nazis, das waren die, die aus dem Westen kamen, hier waren nur Widerstandskämpfer. Gemein den beiden Ansätzen war nicht nur, es sei alles wieder gut, sondern eigentlich sollte bitte endlich auch gut damit sein. Schluß. Heute ist Deutschland vereint und der Schlussstrichwunsch wird als unkorrekt abgetan. Und der Antisemitismus? Hatte 1945 dieser auch kapituliert?
 

Von den 500.000 Juden Deutschlands waren nach dem Massenmord noch 335.000 am Leben. Ein kleiner Bruchteil war in Deutschland, die Mehrheit hatte sich ins Ausland gerettet. Wir wissen nicht, ob und wie viele von ihnen nach Deutschland zurückgekehrt wären. Was wir aber wissen ist, dass keine deutsche Regierung, sei diese SPD, CDU, FDP oder SED die überlebenden Juden jemals eingeladen oder gebeten hat nach Deutschland zurückzukehren und hier wieder mit ihren nichtjüdischen Nachbarn zu leben. Das Projekt der NS-Volksgemeinschaft „Deutschland ohne Juden“ war für alle Nachkriegsregierungen eine nicht umzukehrende Realität. Waren deshalb alle Nachkriegs-Politiker erklärte oder verkappte Antisemiten? Kaum. War es vielleicht aber nicht so, dass man sich mit dem mörderischen bzw. massenhaften NS-„Transfer“ der Juden auf Dauer gut eingerichtet, deren Stellungen, Häuser und Vermögen einverleibt hatte, sie menschlich jedoch nicht vermisste, also dass eine Revision der deutschen Politik von 1933-45, eine wirkliche Wieder-gut-machung deshalb niemals in Frage kam? Wir wissen es nicht genau. Wir wissen aber: Darüber wurde nicht einmal diskutiert. Die Tatsachen sprechen für sich. Die Juden waren weg, so oder so; offenkundig wurde es allgemein als „auch gut so“ empfunden. Sonst hätte man es ja anders gemacht.
 

Nachdem jetzt absehbar alles vorbei ist und auch die letzten Überlebenden den Weg alles Irdischen gegangen sein werden, wird in Berlin die Abwesenheit der Juden schwer bedauert, der stärker werdende Antisemitismus eindeutig verurteilt und die staatliche Förderung jüdischen Lebens weitgehend selektiv vorgenommen, unfreiwillig dem unseligen Diktum folgend "Wer Jude ist...“. Eine neue Variation des Schlussstrichs?
 

Der 9. November bleibt ein tiefdunkles Kapitel deutscher Geschichte. Die Synagogen in Brand gesteckt, das Ende jedes halbwegs geordneten Gemeindelebens eingeläutet, ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg Hunderte jüdische Männer verschleppt, Tausende Jüdinnen und Juden gedemütigt und verletzt, viele getötet, Es war nicht der Anfang vom Ende, das Ende begann schon früher. Es war ein Meilenstein auf dem Weg zur unwiederbringlichen Vernichtung des deutschen Judentums. Vor aller Augen.
 

Der Massenmord, der Mord eines jeden Einzelnen ist nicht verziehen; nicht die Lebenden, nur die Toten könnten verzeihen. Das Festhalten an den status-quo-post Holocaust der Ausgrenzung der Juden bleibt die Erbsünde Nachkriegsdeutschlands, jenes der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit. Die gegenwärtige, allseitige Zunahme von Antisemitismus belegt die ungebrochene, pathologische Anfälligkeit der Gesellschaft.

 

An dem Grunddilemma hat sich wenig geändert: Damals waren es zu viele Wegschauer, Mitmacher, Komplizen, Täter. Von den Anderen gab es zu wenige. Und heute?

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