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Adass Jisroel
24. Oktober 2018

Das Rabbinerseminar und die Adass Jisroel - Eine Klarstellung

Rosch Haschaná, Jom Kippur, Sukkot, Schemini Atzeret und Simchat Tora liegen hinter uns. Schöne Feiertage haben wir verbracht.

 

Der nahtlose Übergang von Sot Habracha zu Bereschit ist Sinnbild von Kontinuität und Erneuerung im jüdischen Leben, so auch in Berlin, von dem die Adass Jisroel im 150. Jahr ihres Bestehens integraler Bestandteil ist.

 

Unsere seit 1869 bestehende Israelitische Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin und das 1873 gegründete Rabbiner-Seminar zu Berlin waren immer eine institutionelle, eine personelle, eine konzeptionelle, eine räumliche Einheit.

 

Seit jeher waren beide Institutionen eng miteinander verwoben und wirkten stets gemeinsam unter einem Dach. Von 1873 an in der Gipsstrasse, seit 1904 unter der Adresse Artilleriestr. 31, 1951 umbenannt in Tucholskystr.40; immer im Bezirk Mitte von Berlin, bis heute Sitz der Gemeinde. Immer als „Das Kleine Jerusalem“ Berlins bekannt.

 

Das Rabbinerseminar zu Berlin war von Anbeginn eine akademische Lehranstalt. Seit Gründung wurden hier nicht nur jüdische, sondern auch allgemein wissenschaftliche Fächer gelehrt. Zum Beispiel: Der Jahres-Bericht des Rabbiner-Seminars für 1878/1879 führt den in Personalunion Gründungsrektor und Gemeinde-Oberhaupt Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer als Dozent auch für Mathematik, Kombinationslehre, binomischen Lehrsatz sowie analytische und synthetische Progressionen auf. Rabbiner Prof. Dr. David Hoffmann, sein Nachfolger als Rektor, lehrte Planimetrie und Trigonometrie, Rabbiner Prof. Dr. Jakob Barth deutsche Literatur vom Anfang bis zu Lessing, der damals noch stud. phil. David unterrichtete Latein und Griechisch, und stud. phil.  Hirsch Hildesheimer lehrte Geschichte und Geographie. Beide promovierten zum Dr. phil.

 

Die Aufnahme-Bedingungen waren klar definiert: Neben der als selbstverständlich angenommenen religiösen Lebensführung wurde im Religiösen die Befähigung zum selbständigen Erfassen eines mittelschweren Textes zu Pentateuch und Talmud vorausgesetzt und im Profanen mindestens die Reife für die Prima eines Gymnasiums. Später konkretisiert, um am Rabbiner-Seminar zu Berlin studieren zu können mussten die Bewerber parallel als ordentliche Studenten an der benachbarten Friedrich-Wilhelm-Universität (die heutige Humboldt-Universität zu Berlin) studieren.

 

Dieser Umstand stellte das wissenschaftliche Niveau der Studenten sicher, die mit dem Abschluss ihrer Rabbinats-Ausbildung gleichzeitig Universitätsabsolventen mit einem akademischen Titel waren. Alle Rektoren, Hildesheimer, Hoffmann, Wohlgemut und Weinberg, bestanden auf den akademischen Charakter des Rabbiner-Seminars. Das war die Figur des „Rabbiner Dr.“, charakteristisch für das Rabbiner-Seminar zu Berlin und generell sehr verbreitet im deutschsprachigen Raum. 

 

Das Gemeindehaus wurde von der Gestapo am 9. November 1938 geschlossen, Gemeindemitglieder und Seminarstudenten wurde der Zutritt verboten. Jedoch im beschränkten Umfang konnte das Rabbiner-Seminar seine Tätigkeit in Entfernung von 300 Meter in den Räumen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Artilleriestraße 14, (heute „Leo Baeck Haus“, Tucholskystraße 9), behelfsmäßig fortsetzen. Das war eine außerordentliche Kooperation in einer bedrängten Zeit: Um den Rabbinats- Studenten in der erhofften Emigration eine berufliche Chance zu eröffnen fanden über eine begrenzte Zeit sogenannte Not-Ordinationen statt, bei denen Rabbiner-Urkunden (Joré Joré) noch verliehen wurden.

 

Die Adass Jisroel erhielt im September 1885 vom Deutschen Kaiser und Preußischen König ihre amtliche Anerkennung, sie wurde im Dezember 1939 vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD verboten und im Oktober 1997 vom Bundesverwaltungsgericht der Bundesrepublik Deutschland wieder als Körperschaft des öffentlichen Rechts in ihrer institutionellen Kontinuität und personelle Identität als identisch mit der Gemeinde von 1869 bestätigt.

 

Seit 1869 und bis heute existiert in Berlin die eine und einzige Israelitische Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin. Ohne Namenszusätze. Ihre Adresse lautet nach wie vor: Tucholskystraße 40 in Berlin-Mitte.

 

Teilweise aus Ignoranz, teilweise wider besseres Wissen, in der Hoffnung, es gebe niemand mehr der, wie es heißt, Josef noch kannte, wird von dritter Seite heute versucht, mit der Geschichte der Gemeinde und des Rabbiner-Seminars dreist umzugehen und sich dieser anzueignen. Deutsche Obrigkeit und jüdische Funktionäre spielen gemeinsam in einer verblüffenden Aufführung. Inoffizieller Arbeitstitel: „Der Bluff“. Gegenseitige Belobigungen und wechselseitige Loyalitätsbekundungen scheinen die Vermutung nahezulegen, die Aufgabe jüdischen Lebens würde darin bestehen, durch öffentliche Koschersprechung die Wiedergutwerdung der Deutschen feierlich zu beteuern. Offizielle loben und sonnen sich, jüdische Funktionäre danken und genießen, geblendete Medien begleiten andächtig und kritiklos. Im Zeitalter des zunehmenden Antisemitismus ein äußerst wertvoller Beitrag.

 

Schade. Gerade weil der Genozid derart gründlich betrieben wurde, das jüdische Leben und dessen Strukturen derart minuziös vernichtet wurden, wäre es doch gerade wichtig, die Geschichte nicht zu entstellen, die Vergangenheit weder zu unterschlagen noch zu verzerren und sich an Tatsachen zu halten, kurzum, es ist wichtig zu verhindern, dass die Wahrheit in den Brunnen fällt. Das Authentische sollte von der Fälschung unterschieden werden, das Original vom Plagiat. Das Genuine sollte nicht mit dessen Usurpation vertauscht werden. Genau das aber wird gegenwärtig gemacht.

 

Judentum ist keine Kirche, es ist weder homogen noch hierarchisch strukturiert. Judentum ist nicht Einfalt sondern Vielfalt. Auch in Deutschland war das bis zum Holocaust so. Die Nazis haben alle jüdischen Institutionen zerschlagen. Als teuflische Methode wurde eine fiktive, ihnen zugeordnete, „jüdische“ Leitung für ganz Deutschland geschaffen, die sogenannte „Reichsvertretung der Juden“. Sicher, das war Teil des Verbrechens. Gelegentlich schimmert aber eine solche Misintessrpretation von Judentum bis heute bei manchem deutschen Politiker durch.

 

Das vielfältige, religiös und kulturell reiche jüdische Deutschland aus der Zeit vor dem Völkermord ist unwiederbringliche Vergangenheit. Heute ist eine bescheidene, punktuelle Wiederherstellung jüdischen Lebens möglich.

 

Der deutsche Staat sollte beachten: Bitte keine Präferenzen, keine Benachteiligungen. Bitte ebenso wenig ein selektiver Umgang mit jüdischer Gegenwart, Plagiate nicht hinnehmen oder sogar fördern. Möchte man in Deutschland keine Symbolpolitik betreiben, sondern sich ernsthaft engagieren, so sollte dies sich in einem respektvollen Umgang mit Geschichte und in einer freundlichen und gleichberechtigten Haltung gegenüber allen gegenwärtigen Äußerungen jüdischen Lebens zeigen.

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