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Adass Jisroel
27. Januar 2020

75 Jahre nach Auschwitz

Lehren gezogen oder täglich grüßt das Murmeltier?

 

Bis vor nicht allzu langer Zeit konnte man in Deutschland den Eindruck gewinnen, Antisemitismus sei überwunden, Relikt aus ferner Vergangenheit, ein Anachronismus der im Aussterben begriffenen Spezies der Altnazis. Offenbar  eine optische Täuschung. Die strukturelle Neuorientierung im demokratischen Rechtsstaat wurde mit  der Läuterung auf Bevölkerungsebene verwechselt.

Antisemitismus, diese die deutsche Gesellschaft durchdringende ideologische Gemeinsamkeit, die als ideologisches Kitt die verbrecherische Volksgemeinschaft verband, war 1945 nicht besiegt, sondern überlebte das NS-Reich.

 

Bis vor kurzem war der öffentliche Diskurs meistens geprägt von Termini  wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus. Die 25 bis 30% Antisemitismus-Träger  in der deutschen Bevölkerung waren seit den 60er Jahren eine konstante Größe in den Statistiken von Professor Silbermann. Sie wurden aber nicht besonders ernst genommen. Der Elefant im Raum war zwar allgegenwärtig, wurde aber meistens ignoriert. Nun trampelt er jetzt wild herum  und lässt sich nicht mehr übergehen.

 

Die Zeit ist vergangen, das Problem geblieben, akut wie schon lange nicht. Fünfundsiebzig Jahre nach Auschwitz erfreut sich der deutsche Antisemitismus bester  Gesundheit.  Damals geschah es vor den Augen aller; nicht minder öffentlich geschieht heute, was heute geschieht. Nicht vergleichbar, dennoch besorgniserregend.

 

Präsident Macron sprach auf dem World Holocaust Forum in Jerusalem die Selbstverständlichkeit aus: Antisemitismus ist vor allem Sache der Nicht-Juden, sagte er. Was also tun? Aufklärung, Bildung  und Erziehung sind wichtig, das wissen wir. Aber wir wissen auch, Antisemiten interessieren sich nicht für Fakten. Deshalb zweierlei: Verfolgung, Ahndung, Bestrafung der Hetzer und  Antisemiten einerseits; Schutz und Förderung jüdischen Lebens andererseits.  Der epidemischen Ausbreitung des Judenhasses ist Einhalt  zu gebieten.

 

In Sachen Schlussstrich bekannte Oberrabbiner Lau auf dem Holocaust Forum in Jerusalem: Er werde weder vergessen noch werde er verzeihen. Begründung: Vor deren Ermordung hätten seine Eltern ihn zum Verzeihen nicht autorisiert.

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